„Alle weinten bitterlich“

Stilles Gedenken an die Vertreibung aus Elek vor 75 Jahren

Die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn erreichte im Frühjahr des Jahres 1946 auch die fast 10.000 Einwohner zählende fränkische/ungarndeutsche Großgemeinde Elek im Südosten Ungarns. Hier fand in der Zeit vom 10. April 1946 bis zum 6. Mai 1946 die Vertreibung von rund 5.000 Eleker Deutschen statt.

Zum 50. Jahrestag der Vertreibung verfasste ein ehemaliger Eleker, Jahrgang 1934, folgenden Bericht:

„Traurig brachte mein Vater die Unterlagen nach Hause, wonach unsere Familie dem zweiten Transport zugeteilt war. Nun musste schnell gehandelt werden, denn binnen 24 Stunden nach Abholung der Waggonnummer musste alles zur Reise fertig sein. Hausrat, Vorräte und sonstiges, das nicht mitgenommen werden konnte, wurde bei Nacht zu den Großeltern, Verwandten und Freunden gebracht. Teils in der Hoffnung, es könnte nach der Einwaggonierung noch nachgeschmuggelt werden. Die Nähmaschine sowie das Fahrrad wurden zerlegt und versteckt, waren es doch für die damalige Zeit relativ wertvolle Gegenstände. Das Fahrrad wurde nur vom Vater benutzt, ein Kind durfte es kaum mit den Händen berühren, geschweige denn darauf fahren lernen. Manches wurde auch nur verpackt und einfach im Garten vergraben.

Am Abend wurde ein Fass Wein aus dem Keller geholt und mit Freunden getrunken. Darunter waren der letzte Knecht sowie Ungarn und Rumänen, die mit der Familie zu tun hatten, aber auch die zu dieser Zeit im Haus einquartierten zwei Polizisten. Schwermütig wurde Abschied genommen. Erwachsene weinten wie kleine Kinder, keiner schämte sich seiner Tränen, die Freunde hatten großes Mitleid.

Am 20. April, früh morgens, kam ein Polizist mit einem Pferdefuhrwerk ans Haus, der Fahrer war ein Rumäne aus der Nachbargemeinde Kétegyháza. Diese Rumänen wurden polizeilich verpflichtet, mit ihren Fuhrwerken nach Elek zu kommen, um die deutschen Familien zum Bahnhof zu transportieren. Während des Aufladens konnte auch dieser Rumäne sein Mitleid nicht verbergen. Als alles Bereitgestellte aufgeladen war, sagte mein Vater zu dem Polizisten: „Die Pferde und Kühe sind noch nicht getränkt“, ging zum Ziehbrunnen und schöpfte frisches Wasser in den Trog. Zuerst tränkte er die Pferde, dann die Kühe. Danach verabschiedete er sich von den Tieren. Hierbei musste besonders der Hund gespürt haben, dass eine Trennung für immer bevorstand. Voll Wehmut verließ unsere Familie für immer das vertraute Heim und wurde zum Bahnhof gebracht.“

Leider ist es uns in diesem Jahr nicht möglich, in Präsenz an die Opfer der Vertreibung zu erinnern. Und dennoch wollen und müssen wir gedenken.

Die Erlebnisgeneration ist 75 Jahre nach der Vertreibung auf der letzten Etappe ihres Lebens. Die nachfolgenden Generationen – zwischenzeitlich sicherlich mehr als eine –  sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird. Deshalb müssen wir uns alle dafür einsetzen, die Erinnerung an das Unrecht der Vertreibung wachzuhalten.

Wir gedenken deshalb heute im Stillen all unseren Landsleuten – unseren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern – die Opfer der Vertreibung wurden, und appellieren an alle: ehren wir die Freiheit, arbeiten wir für den Frieden, halten wir uns an das Recht!

Joschi Ament

Vorsitzender des Kulturkreises Elek

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s